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"Auge um Auge, Zahn um Zahn"


Diese Worte aus der Tora (2 Mose 21,24) haben in unserer Umgangssprache eine sprichwörtliche Bedeutung angenommen, die ihren wahren Sinn verdreht. Sie gelten heute noch immer als die klassische Formulierung einer strengen Vergeltung mit Gleichem und stehen so für eine widerwärtige und verabscheuungswürdige Moral, die von mitleidloser Rachgier getrieben wird. Weil viele nur diese Worte aus dem Alten Testament kennen, stehen sie weithin für dessen Inhalt. In der medialen Meinungsfabrikation dient "Auge um Auge" immer wieder als Formel, um die Politik des Staates Israel gegenüber seinen arabischen Nachbarn zu charakterisieren. Das dürfte eine säkulare Fortsetzung des christlichen Antisemitismus sein. Denn in der Kirche herrschte seit Jahrhunderten das Bild von einer jüdischen bzw. pharisäischen Moral, die sich vom angeblichen Rachegott des Alten Testamentes herleitet. Bis heute spricht christliche Auslegung vom Talionsgesetz, als ginge es hier um Vergeltung. Aber nicht nur die rabbinische Auslegungstradition, auch der Wortlaut der Weisung (2 Mose 21, 23-24) und die grundlegende Rechtsidee der Tora, wonach Barmherzigkeit das Herz der Gerechtigkeit ist, stehen solcher Sicht entgegen.
Die jüdische Auslegung verwarf seit eh (1) das sog. wörtliche Verständnis von Auge um Auge und erkannte stets auf eine Anweisung zu adäquater finanzieller Entschädigung. Für einen angerichteten Schaden soll dem Geschädigten vom Schädiger ein gerechter Ersatz nach genauer gerichtlicher Schätzung ausgezahlt werden: "Wer seinen Nächsten verwundet, ist ihm fünf Dinge dafür schuldig: Schadensersatz, Schmerzensgeld, Heilungskosten, Entschädigung für Versäumnis der Arbeit und Strafgeld für die Beschämung" (Babylon. Talmud, Baba Qamma 8,1).
Ein Blick auf den Wortlaut der Weisung und ihren Zusammenhang im Text erweist die völlige Unhaltbarkeit aller Auslegungen, die meinen, es gehe hier um Vergeltung bzw. Rache: Wenn Männer miteinander hadern und stoßen eine schwangere Frau, und es gehen ihre Kinder ab, ohne dass ein Unfall geschieht, gebüßt, gebüßt soll es werden, sobald der Gatte der Frau ihm auferlegt, und er gebe es durch die Sühnerichter. Wenn aber ein Unfall geschieht, so gib Leben um Leben, Auge um Auge, Zahn um Zahn, Fuß um Fuß, Brandmal um Brandmal, Wunde um Wunde, Strieme um Strieme (2 Mose 21,22-25).
Das hebr. `ason´, das wir mit `Unfall´ wiedergeben, umfasst jede Art von Verletzung. Dafür soll in jedem Fall eine Buße festgesetzt werden. Wichtig ist die Feststellung, dass es sich um eine versehentliche Körperverletzung einer unbeteiligten dritten Person handelt. Wer wird schon einer Schwangeren vorsätzlich in den Leib treten! Im Unterschied zu anderen Gesetzeswerken (z.B. Codex Hammurapi) taucht dieser Fall in der Tora nicht auf. Bei Auge um Auge geht es offenbar um die gewissenhaft festzulegende Bußleistung für einen unabsichtlich zugefügten, aber schmerzhaften Schadens.
Mit so gib sind die Richter angesprochen. Die Einzahl steht, weil sie Israel repräsentieren und die dem Volk von Gott am Sinai aufgetragene Gerechtigkeit in Kraft setzen sollen (2Mose 21, 12-14). Sie sollen eine angemessene Wiedergutmachung aller Schäden festsetzen. Im Hebräischen ist Auge um Auge die technische Bezeichnung für einen gerechten Ersatz, was sich aber auch aus dem Zusammenhang logisch ergibt. Unüberhörbar endet der Sinnabschnitt mit der unzweideutigen Aufforderung: Wenn jemand seinen Sklaven oder seine Sklavin ins Auge schlägt und es zerstört, so soll er sie für das Auge freilassen. Und wenn er seinem Sklaven oder seiner Sklavin einen Zahn ausschlägt, so soll er sie für den Zahn freilassen. (2Mose 21,26f). So sieht Gerechtigkeit nach der Tora aus. Der unwiederbringlich Geschädigte erhält das höchste Gut: die Freiheit. Und der Sklavenbesitzer: eine Geldstrafe. Er muss sich nach einem neuen Knecht umschauen. So ist es für einen Juden und auch den aufmerksamen Leser der Bibel unmöglich, aus dieser Weisung körperverstümmelnde Vergeltung herauszuhören.
Gerechtigkeit schloss schon im alten Israel Barmherzigkeit ein. Jene ist undenkbar ohne diese und umgekehrt. Barmherzig ist der Gerechte (Ps 112,4). Gerechtigkeit ohne Barmherzigkeit wird gnadenlos, Barmherzigkeit ohne Gerechtigkeit verantwortungslos. Gerechtigkeit ist Solidarität von Gottes Geschöpfen und erstreckt sich auf die Tiere: Der Gerechte erbarmt sich seines Viehs, das Herz des Gottlosen ist grausam (Spr. 12,10). Das geht bis zum Mitgefühl für den Ochsen, der unter dem Arbeitsjoch Appetit bekommt: Du sollst dem Ochsen, der das Korn drischt, das Maul nicht verbinden (5Mose 25,4). Die Mitte ist der Tora ist die Hinwendung zum bedürftigen Mitmenschen: Wenn ein Fremdling bei dir wohnt, ... so sollt ihr ihn nicht bedrücken. Wie ein einheimischer aus eurer Mitte soll euch der Fremdling gelten ... du sollst ihn lieben wie dich selbst (3 Mose 19,33f). Deshalb auch die wiederholten Mahnungen, Witwen, Waisen und Arme nicht zu bedrücken (2Mose 22,22; 23,6; 5Mose 24,14.17; 27,19; Jes 1,17). Diesem Geist der Tora würde es zutiefst widersprechen, die Weisung Auge um Auge als gnadenlose Rachejustiz zu lesen, statt als die erinnernde Aufzählung der Wunden, die einem arg Geschlagenen zugefügt wurden. Jede Wunde ruft nach Erbarmen, nach Mitleid, nach Wiedergutmachung, nach Solidarität. So wäre die Liste der schmerzenden Wunden eine Einweisung in eine bedacht und fürsorglich wahrzunehmende Verantwortung für den geschädigten und leidenden Mitmenschen. (2)
Das Neue Testament zitiert einmal: Ihr habt gehört, dass gesagt ist: Auge um Auge, Zahn um Zahn, und ich sage euch, dass ihr dem Bösen nicht entgegenstehen sollt (Mt 5,38f). Ohne das unnötige: "Ich aber sage euch", wie gemeinhin übersetzt wird, was einen Gegensatz zum Alten Testament unterstellt, erkennen wir in Jesus hier den schriftgelehrten Ausleger der alten Weisung, jede Wunde zu bedenken. Matthäus lässt ihn für seine Gemeinde sprechen, die von römischen Besatzungssoldaten blutig und willkürlich drangsaliert wird. Er legt die Weisung für Verfolgte aus, die sich selbst schützen müssen. Besser als sich der überlegenen Gewalttätigkeit körperlich entgegenzustellen, ist eine andere Strategie, die hilft, verletzte Augen, ausgeschlagene Zähne, Wunden und Striemen zu vermeiden: den Feind durch Gutes-Tun zum Schweigen zu bringen (1 Petr 2,15; Röm 12,21), seine innere Entwaffnung durch eine überraschende Großmütigkeit: Wer dich auf den rechten Backen schlägt, dem biete auch den andern dar, ... und wer dich nötigt eine Meile zu gehen, mit dem gehe zwei (Mt 5,41). Jeder römische Soldat konnte damals einen Juden zwingen, sein Gepäck zu schleppen. Wenn er dich für eine Meile zur Fron zwingt, dann gehe zwei mit ihm, sagt Jesus. Dem Überlegenen wird die Initiative genommen, Böses mit Gutem vergolten, ein freundschaftliches Gespräch kann entstehen. Können denn zwei miteinander wandern, es sei denn, sie werden einig unterwegs? (Am 3.3). Stellvertretende Wiedergutmachung von empfangenen und drohenden Wunden durch zuvorkommende Großmut. Feindesliebe.
Die christliche Umdeutung von Auge um Auge ist schwer zu datieren. Kirchenvater Augustin sah darin ein Gesetz der Gerechtigkeit, nicht des Hasses. Aber auch er sprach von gerechter Vergeltung: ein Auge und nicht zwei, ein Leben und nicht das der ganzen Familie, wie bei der Blutrache. Der Irrtum beginnt dort, wo in dieser Weisung eine begrenzte = gerechte Rache bzw. Vergeltung gesehen wird und nicht die Einweisung in eine jede Wunde bedenkende mitleidvolle Verantwortung für den schmerzvoll geschädigten Mitmenschen. So gesehen wird die Übersetzung von Martin Buber zur allein zutreffenden: ... gib Lebensersatz für Leben, Augersatz für Auge, Zahnersatz für Zahn, ..."
Tatsächlich kennen die nichtjüdischen Völker im Unterschied zur Tora ein Vergeltungsrecht. Die erste Bestimmung auf den zwölf Tafeln des ältesten römischen Gesetzeskodex lautet: "Wenn jemand ein Körperglied zerrissen wird, soll, wenn der Täter sich mit dem Opfer nicht vergleicht, Wiedervergeltung sein." Der Täter soll nur das gleiche Übel erleiden, das er seinem Opfer zugefügt hat. Die Vollstreckung obliegt dem Opfer bzw. seiner Sippe. Was wie eine Einschränkung der Privatrache daherkommt, war faktisch ihre Legalisierung.
Es ist ein antijüdisches Paradox der Geschichte, dass dem Judentum, dessen Tora Mitleid, Barmherzigkeit und Gerechtigkeit lehrt, die Rachegesinnung eines strengen Vergeltungsgesetzes unterstellt wurde. Welches Volk neben dem jüdischen kannte in seiner Geschichte weder Folter im Prozess noch Verstümmelungen als Strafe? Welches Volk außer dem jüdischen musste sich so in Verdrehung der von ihm verkündeten Wahrheit schmähen lassen? Vielmehr könnte jede Gesetzgebung von der Tora, deren Rechtsprechung aus dem Gedenken an die Schmerzen der Geschlagenen und Gedemütigten kommt, lernen.

(1) Zu Zeiten des Zweiten Tempels, d.h. zwischen Rückkehr aus dem babylonischen Exil (ca. 530 a.C.) und der Tempelzerstörung durch die Römer (70 p.C.), genauer seit es nach dem Erfolg der makkabäischen Erhebung (175-128 a.C.) eine Spaltung zwischen Sadduzäern und Pharisäern gab, war es zwischen ihnen umstritten, ob Auge um Auge wörtlich zu verstehen sei, bis sich die Auslegung der letzteren durchsetzte. Das war nach Josephus, nachdem die Pharisäer die Mehrheit im Synhedrion erlangt hatten.
(2) Auch andere Weisungen erinnern zu ihrer Begründung ausdrücklich an Leiden und Not des Nächsten: Wenn du den Mantel eines andern zum Pfande nimmst, so sollst du ihm denselben zurückgeben, ehe die Sonne untergeht; denn er ist doch seine einzige Decke, die Hülle seines Leibes. Worauf sollte er sonst schlafen? Wenn er zu mir schreit, so werde ich ihn erhören; denn ich bin gnädig (2 Mose 22,25ff).

Nachtrag zum Artikel Pharisäer
betreffend ihr Verhältnis zu den Sadduzäern (s. zurückliegende Ausgabe von Ma Nishma?)

Ihre im Sinne der Tora konsequente Ablehnung des Götzendienstes brachte die Pharisäer im Unterschied zu den Sadduzäern immer wieder in feindseligen Konflikt mit der Obrigkeit der Besatzungsmacht. Sie standen z.B. hinter den Massenprotesten, als Pilatus Fahnen mit dem Bild des Kaisers nach Jerusalem holen wollte, und als eine Menschenmenge den römischen Adler vom Tempelportal hinabschleuderte. Auch im Alltag sollte jeder Jude den Anschein einer Verbeugung vor einem Götzenbild vermeiden. Wenn einem vor einem Götzen ein Dorn im Fuß sitzen bleibt, so darf man sich nicht bücken, um ihn zu entfernen, weil es den Anschein hat, als bücke man sich vor einem Götzen; sieht man es nicht, so ist es erlaubt (Babylon. Talmud, aboda zara 12a).

Klaus-Peter Lehmann, Pastor i.R., Augsburg


(Quelle: Materialdienst des Ev Arbeitskreises Kirche und Israel in Hessen und Nassau, Ausgabe Nr. 2 / April 2007. Hier schreibt der Verfasser an einer Folge "Urteil statt Vorurteil", in der er sich unter Aufnahme von Stichworten wie "Auge um Auge" oder "Pharisäer" mit antijüdischen Vorurteilen auseinandersetzt.)

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Last updated: 01.06.2011

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