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Vorwort zu dem Buch von Dr. Lasch
von Ulrich W. Sahm, Jerusalem, 26. Dezember 2006

Dieses Buch ist "politisch nicht korrekt". Der 1929 in Hamburg geborene und 1936 mit seinen Eltern rechtzeitig dem Nazi-Terror entkommene israe-lische Arzt bezeichnet sich selber als Querkopf, der kein Blatt vor den Mund nimmt.

Wer an Klischees über das Leid der Palästinenser und die Grausamkeit der israelischen Besatzung festhalten will, sollte dieses Buch nicht lesen, ge-mäß dem Prinzip: "Stör mich nicht mit Fakten". Denn Dr. Lasch ist Arzt und Mensch, dem Holocaust entwichen und stolzer Israeli, ethischen Wer-ten verpflichtet, Patriot und Abenteurer, der sich Herausforderungen stellte, um sein Leben mit Sinn zu füllen. Nicht die Karriere an Regierungskran-kenhäusern interessierte ihn. Er wollte neue Horizonte erkunden, ging nach Afrika und übernahm die fast unmögliche Aufgabe, im israelisch besetzten Gazastreifen das Gesundheitswesen auf Vordermann zu bringen. 

Ohne Beschönigung beschreibt Lasch mit eindringlichen Beispielen den Argwohn der palästinensischen Ärzte, die ihn für einen Agenten des Ge-heimdienstes hielten, als "Jahud" (Jude) beschimpften und als Repräsentant des "israelischen Feindes" boykottieren wollten. Der von Ägypten geträu-felte Hass nach dem Vorbild des "Stürmers" hatte sogar die Kinder im Ga-zastreifen ergriffen, was bei Lasch abscheuliche Erinnerungen an Nazi-deutschland hervorrief. Dennoch war er bereit, trotz gespaltener Seele, tagsüber im Gazastreifen "Terroristen" zu behandeln, und Abends im israe-lischen Krankenhaus frisch eingelieferte verwundete Soldaten. 

Lasch wandelte zwischen zwei Welten, wie sie gegensätzlicher nicht sein könnten. Als Europäer, Israeli und Arzt wollte der "Generaldirektor des Gesundheitswesens im Gazastreifen und im Sinai" die Kindersterblichkeit senken und anderswo ausgerottete Krankheiten wie Polio und Masern ein-dämmen oder ausmerzen. Warum er sich darauf einließ, dieses in Afrika und später im übervölkerten Gazastreifen tat, hinterfragt er nicht einmal. Es ist ihm ein höchstes Gebot, über das nicht diskutiert werden muss. 

Doch einfach nur Massenimpfungen zu verfügen oder ein Kinderkranken-haus zu errichten, brachte nichts. Wie die Windmühlen des Don Qichote zu bekämpfen, galt es uralten Aberglauben, Feindseligkeit, Misstrauen, politi-sche Widerstände und vieles mehr zu überwinden. Lasch beschreibt seine Fähigkeit, die konservative arabische Mentalität mit ihren eigenen Schwä-chen zu schlagen, internationale politische Interessen außer Kraft zu setzen, Flüchtlinge in ihrem Elend zu belassen, um besser als Waffe gegen Israel benutzt zu werden. Er beschreibt aber auch seine Tricks, die unerbittliche israelische Besatzungshierarchie per "kleinem Dienstweg" zum Wohle frie-render palästinensischer Kleinkinder zu umgehen. Der "Jahud" verstand es sogar, die gehässigen  Prediger in den Moscheen gemäß jüdisch-biblischen Prinzipien für seine humanitären Projekte zugunsten palästinensischer Frauen und Kinder einzuspannen.

Niemand kommt gut weg in seiner Beschreibung der Zustände im Gaza-streifen, wo er als Arzt der Besatzungsmacht zwischen 1973 und 1985 eine wahre Revolution zustande brachte. Allen Widerständen zum Trotz, von obrigkeitshörigen palästinensischen Ärzten über misstrauische "Großmüt-ter", bis hin zu "Vorgesetzten" aus dem militärischen Regiment der Be-satzer, gelang es Lasch, auch in den Köpfen der Mütter, Neugeborene in lebenswerte Menschen zu verwandeln. Eindringlich beschreibt er seinen Kampf. Krankhäuser sollten nicht mehr nur die Endstation für todkranke Babies sein. Schnupfen, Fieber, Durchfall, Masern und sogar Polio könnten durch Prävention verhindert werden oder gar heilbar sein. Für den Westeu-ropäer ist es fast unglaublich und faszinierend zu lesen, auf welche Wider-stände "Selbstverständlichkeiten" stoßen können, nur weil eine uralte Kul-tur Änderungen kaum zulässt. 

Dr. Lasch ist bestens bewandert in der Politik des Nahen Ostens. Er bietet keine Lösungsvorschläge, weiß aber genau, wo alles ganz entscheidend krankt und wo die Menschen in ekelhafter Weise für politische Zwecke ausgenutzt werden. Er hat am eigenen Leib eine arabische Mentalität in Gaza erlebt, die sich seit 3000 Jahren mit den unterschiedlichsten Besatzern arrangierte. Er erfuhr die Überheblichkeit der israelischen Besatzer. Als Arzt und Mensch mit klaren ethischen Vorsätzen setzte er sich über Menta-lität, persönliche Hemmschuhe und objektive Schwierigkeiten hinweg und ging stur seinen Weg. Frustriert stellte er fest, dass seine Erfindung eines primitiven Brutkastens für Frühgeburten, einfach und billig konstruiert, in-zwischen zum Standard der Welt-Gesundheits-Organisation in allen Ent-wicklungsländern wurde. Doch nirgendwo wurde erwähnt, dass die Erfin-dung von einem israelischen Besatzungsarzt im Gazastreifen stammte. Gleichzeitig wird Israel weiter für alle Missstände verantwortlich gemacht. "Schade, dass ich kein Patent angemeldet habe", schreibt er entmutigt und andererseits stolz, Millionen Neugeborenen in der Dritten Welt das Leben gerettet zu haben. 

Seine Ausführungen sind deshalb so überzeugend, weil er gar nicht erst versucht, altbekannte Klischees zu bedienen. Lasch hatte als Arzt direkten Kontakt zu den Menschen und lernte so ihre Schwächen und Stärken ken-nen. Vordergründig könnte man meinen, dass dieser Mediziner ganz unpo-litisch die eigenen Erlebnisse und Erfahrungen beschreibt. Doch seine ein-dringlichen Analysen liefern ein tiefgründiges Psychogramm aller agieren-den Mächte im Nahen Osten, der Araber, der Israelis aber auch der UNO-Flüchtlingshilfeorganisation, die längst ein Eigeninteresse entwickelt hat, die Flüchtlinge in ihrem Elend zu belassen, um nicht Chefposten mitsamt Dienstwagen, Chauffeuren und fetten UNO-Gehältern zu verlieren. 

Dr. Lasch beflügelt vielleicht jene, die daran glauben, dass extravagante Persönlichkeiten die Welt verändern können und dass ein entsprechendes Maß an Mut ganze Berge überkommener Missstände zum Bessern verset-zen könnte. Doch Lasch  beschreibt auch die enormen mentalen Differen-zen zwischen Palästinensern und Israelis, Arabern und der westlichen Welt. Er provoziert Nachdenken. 

Dr. Lasch ist es gelungen, die Kindersterblichkeit im Gazastreifen vom Ni-veau der ärmsten Entwicklungsländer weit unter die Vorgaben der WHO (Welt-Gesundheits-Organisation) auf nur noch 20 von Tausend Geburten zu senken. Doch seine Beschreibungen sind repräsentativ für alle anderen Probleme, die den Nahostkonflikt unlösbar erscheinen lassen. Dr. Lasch, sein Lebenswerk, wie auch seine aufopfernde Menschenliebe mögen beim Leser die Hoffnung auf Frieden stärken. Aber Lasch beschreibt auf Grund seiner persönlichen Erfahrungen letztlich das ganze mentale Umfeld, das eine Verständigung zwischen den Konfliktparteien so unendlich schwierig macht. Ganze Welten stoßen da aufeinander. 

Lasch hat vorgelebt, wie man die Kindersterblichkeit spürbar senken und Polio ausrotten kann, trotz weltweiten Widerständen. Aber implizit hat er aufgezeichnet, dass ein echtes friedliches Nebeneinander fürchterlich kom-pliziert ist und viel Feingefühl erfordert, wie es eben nur ungewöhnliche Menschen wie dieser selbsternannte Querdenker und Exot zustande bringen kann. 

Dr. Lasch liefert keine Gesamtanalyse des Nahostkonflikts. Aber  seine persönlichen Einblicke erklären die bestehenden Probleme besser als so manche Darstellung namhafter politischer Autoren. Dr. Lasch hat die Men-schen selbst getroffen, beschreibt treffend ihr Funktionieren und ihre Pro-bleme. Auch wenn er ein Vorbild für Konfliktbewältigung ist und dafür fast den amerikanischen "Nobelpreis" erhalten hätte, wenn arabische Staa-ten nicht Protest erhoben hätten, so hat er dennoch eine nicht gerade opti-mistische Analyse zu Papier gebracht. Die kulturellen, geschichtlichen und mentalen Differenzen zwischen Palästinensern und Israelis sind so enorm, dass es noch vieler Pioniere wie Dr. Lasch bedarf, um Brücken zu bauen. Das ermutigt einerseits, lässt aber auch Hoffnungslosigkeit aufkommen, wenn man bedenkt, dass seit Ausbruch der Zweiten Intifada im Jahr 2000 wieder vieles von dem zerstört wurde, was Dr. Lasch aufgebaut hat. 

Auf der internationalen Tagesordnung steht nicht mehr eine Senkung der Kindersterblichkeit im übervölkerten Gazastreifen, sondern vielmehr das Leid der Menschen dort nach dem Rückzug Israels und der Beendigung der Besatzung. Dr. Lasch hat eindringlich beschrieben, daß politische Organi-sationen, darunter auch die UNO, kein Interesse haben, den Menschen zu einem besseren Leben zu verhelfen, sondern oft aus propagandistischen Gründen ihrem Elend sogar nachhelfen. 

Deshalb bietet die Lektüre seines Buches nicht nur tiefe Einblicke, sondern Hoffnung und Hoffnungslosigkeit zugleich. 

www.neueweltverlag.de

Taschenbuch, ca. 300 Seiten mit 16 Seiten Bildern, teils in Farbe
Preis: EUR 19,90
Liefertermin: 31.01.2007, Vorbestellungen sind ab sofort direkt beim Verlag möglich, Ab Anfang Januar auch bei Amazon und überall im Buchhandel.
Versandkosten in Deutschland: EUR 2,50, international auf Anfrage.

ISBN 3-937957-65-0
ISBN-13 978-3-937957-65-4
EAN 9783937957654

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