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Latrinengeschichten von Jesu Zeitgenossen

Für Archäologen sind Latrinen kein Abort, sondern ein Lokus für tiefgründige historische Erkenntnisse, sogar über Jesus. Neue Erkenntnisse über die Essener, die zu Jesu Lebzeiten in Qumran am Toten Meer lebten, entdeckten der israelische Archäologe Joe Zias und James Tabor von der Universität in North Carolina ausgerechnet in der antiken Latrine von Qumran...

Von Ulrich W. Sahm, Jerusalem, 11. Dezember 2006

Nach Angaben von Zias bestätige der ungewöhnliche Standort der Latrine in Qumran, dass dort Mitglieder der fanatischen jüdischen Sekte der Essener gelebt hätten. Der unhygienische Zustand der Latrine erkläre zudem den erbärmlichen Gesundheitszustand der Sekten-Mitglieder.

Alles begann mit der Erkenntnis des amerikanischen Bibelforschers Tabor, wonach in der Bibel und in den Tote-Meer-Rollen menschliche Bedürfnisse "aus der Sicht Gottes" unrein seien. Gläubigen wurde deshalb befohlen, ihre Latrinen außer Sichtweite der Gemeinschaft zu errichten. In den Tote-Meer-Rollen werden zudem Entfernungen für den Bau der Latrinen angegeben: zwischen 457 und 1370 Meter nordwestlich von der Gemeinschaftssiedlung entfernt.

Gemäß dem römischen Historiker Josefus Flavius hätten sich die Essener in Jerusalem strikt an diese Regeln gehalten. Josefus philosophierte über deren physische und religiöse Kondition, weil sie am Sabbat "Stuhlgang" vermieden, möglicherweise, weil die Latrine jenseits der Stadtgrenzen lag, die ein Jude am Sabbat nicht überschreiten durfte.

Tabor kam auf die Idee, entsprechend dieser Vorgaben in Qumran die Latrine zu suchen. Ein Blick auf die Landkarte zeigte ihm, dass etwa 500 von der Essenersiedlung entfernt ein kleiner Hügel den Blick versperrte. Beim Beschreiten dieses Geländes entdeckte er eine sichtbare Verfärbung des Bodens.

Tabor rief seinen israelischen Kollegen, den "Bioarchäologen" Joe Zias, zu Hilfe. Der hatte zuvor die Mechanik der römischen Hinrichtungsmethode der Kreuzigung erforscht. Zias entnahm zehn Bodenproben, vier aus dem Gebiet der vermuteten Latrine und zur Kontrolle sechs von anderen Gegenden. Ein parasitologisches Institut in Frankreich untersuchte die Erdproben.

Drei Proben aus dem Latrinengebiet enthielten "Eier von Parasitenwürmern, wie sie für menschlichen Stuhlgang typisch sind". Für Zias war das ein Hinweis auf eine "intensive und fortlaufende Verwendung des Lokus als Latrine". Normalerweise verwesen Wurmeier, doch die Essener scheinen ihre "Geschäfte" zugeschüttet zu haben. So blieben die Parasitenspuren in der Hitze und Trockenheit am Toten Meer erhalten.

Zias kommt zum Schluss, dass Qumran ein "ziemlich ungesunder" Ort gewesen sei. Weitere Forschungen ergaben, dass täglich, über hundert Jahre lang, zwischen 20 und 40 Menschen zu jener Latrine gingen, um ihre Notdurft zu verrichten. Sollten diese Menschen tatsächlich Essener gewesen sein, dürften sie sich auf dem Rückweg einer rituellen Waschung unterzogen haben. Was heute wie Hygiene klinge, sei in Qumran vor 2000 Jahren eher ein Rezept gewesen, die Dinge schlimmer zu machen. Denn das stehende Wasser in den Zisternen wurde nur während der dreimonatigen Winterperiode aufgefüllt. Wenn sich die Essener darin wuschen und untertauchten, hinterließen sie von der Latrine mitgebrachte Bakterien und Parasiten. Das warme Wasser dürfte eine ideale Brutstätte zur Übertragung von Krankheiten gewesen sein.

Wegen der mutmaßlichen Übertragung von Magenbeschwerden hätten die Essener zudem ein Örtchen für besonders eilige Notfälle mitten in der Siedlung einrichten müssen. Zias schrieb: "Wer Tora studierte und Diarrhö hatte, schaffte es nicht bis zur Latrine hinter dem Hügel."

Für Zias sind diese Erkenntnisse ein Steinchen im Puzzle über die hohe Sterblichkeit der Essener in Qumran. Frühere Studien hätten ergeben, dass nur sechs Prozent der in Qumran begrabenen Menschen älter als 40 waren. In dem nur 14 Kilometer entfernten Jericho waren es 49 Prozent. Zias schließt: "Die Bewohner von Qumran waren die kränkeste Gruppe Mensch, die ich je studiert habe."

Ironie der Geschichte, so Zias, mag es gewesen sein, dass Essener wie Frühchristen körperliche Krankheit als Zeichen spiritueller Unreinheit betrachtet hätten. Das habe sie zusätzlich zu ihren unhygienischen Reinigungen im verseuchten Wasser bestärkt.

Zias erwähnt Widerspruch von anderen Forschern, die in dieser Latrinengeschichte keinen eindeutigen Beweis für Essener in Qumran erkennen wollen. Seit etwa 12 Jahren stellen Forscher in Frage, ob tatsächlich Essener, die auch Jesus nahe standen und im Neuen Testament erwähnt werden, in Qumran gelebt hätten und die weltberühmten "Qumranrollen" kopiert oder gar verfasst hätten.

 

 

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